Arbeitszeugnis – das schwierige „Abschiedsgeschenk“

Auch wenn die Arbeitslosenzahlen stabil sind: Freie – und vor allen Dingen lukrative – Stellen sind nach wie vor begehrt. Der Kampf um den Job wird mit harten Bandagen geführt.

Bildschirmfoto 2016-04-28 um 16.32.30Kräftig gestritten wird daher auch um den Schlüssel zum begehrten Vorstellungsgespräch: das Arbeitszeugnis aus dem vorherigen Arbeitsverhältnis. Vieltausendfach wird dieses Papier, das Experten als „wichtig­ste Bewerbungsunterlage“ bezeichnen, jedes Jahr ausscheidenden Mitarbeitern ausgehändigt. Entsprechend kritisch beäugt der Arbeitnehmer das „Abschiedsgeschenk“ seiner Firma.

Denn bei der Würdigung der Leistungen seines Mitarbeiters kann der Arbeitgeber seiner Fantasie nicht freien Lauf lassen: „Wahrheit und verständiges Wohlwollen“ sind nach Meinung von Arbeitsrechtlern und -richtern die wichtigsten Anforderungen an ein Zeugnis. Daneben gelten auch formale Auflagen: Das Zeugnis muss auf Geschäftspapier, maschinengeschrieben und frei von Knicken, Korrekturen und gravierenden Fehlern sein. Die (Original-)Unterschrift muss von einem Vorgesetzten stammen.

Ein Streit um solche Formalitäten lässt sich meist schnell beilegen. Der Anspruch von Wahrheit und Wohlwollen jedoch bringt Zeugnisschreiber und -empfänger häufig auf die Barrikaden. Schließlich sind wahre Beurteilungen nicht immer schmeichelhaft – oder schmeichelhafte nicht immer zutreffend. Bei ungerechtfertigten negativen Beschreibungen droht dem vormaligen Arbeitgeber ein Prozess. Allzu euphorische Beschreibungen können ihn ebenfalls teuer zu stehen kommen: Bescheinigt er etwa einem unehrlichen Kassierer untadeliges Verhalten, kann der spätere Arbeitgeber sogar Schadenersatz fordern, wenn dessen Kasse vom „Neuen“ erleichtert worden ist.

Nicht selten flüchten sich Personalchefs deshalb in Floskeln. Als andere Möglichkeit bietet sich ihnen „Leer­stel­len­tech­nik“, bei der übliche Bewertungen einfach weggelassen werden, um durch „beredtes Schweigen“ Defizite zu verraten. Allerdings werden in einem qualifizierten Zeugnis neben Aussagen zur Leistung auch solche zur Führung gegenüber Vorgesetzten und Mitarbeitern erwartet. Fehlt zum Beispiel das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, so hängt dem Stellenbewerber gleich das Etikett des Querulanten an.

Zum Gang vor den Kadi kommt es meist nur dann, wenn der Zeugnis­streit als Nachhutgefecht eines verkorksten Arbeitsverhältnisses geführt wird. Oft einigen sich die Parteien gütlich. Als Faustregel gilt: Je individueller und ausführlicher ein Zeugnis auf Qualitäten des Mitarbeiters eingeht, desto besser. Eine halbe Seite riecht nach einer lästigen Pflichtübung. Der entzieht sich mancher Vorgesetzte dadurch, dass er Mitarbeiter ihr Zeugnis selbst entwerfen lässt – und es (wenn auch mit Magengrummeln) unterschreibt…

Ein Kommentar bei “Arbeitszeugnis – das schwierige „Abschiedsgeschenk“

  1. Zu den häufigsten Auffälligkeiten gehört in Zeugnissen insbesondere die Technik des beredten Schweigens, indem man auf leistungsrelevante Bewertungen verzichtet und damit eine Leerstelle erzeugt (Note: mangelhaft). Darüber hinaus werden immer wieder folgende Techniken verwendet: die Negationstechnik („Das Verhalten gab keinen Anlass zu Beanstandungen“), die Passivierungstechnik („Er wurde eingesetzt“), Die Ausweichtechnik („Hervorzuheben ist seine Pünktlichkeit“) sowie die Widerspruchstechnik: (Sehr gute Gesamtnote aber z.B. fehlende Dankes- und Bedauernsformel.)

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